Vom 19. November bis 11. Dezember 2016 findet mit 71 künstlerischen Positionen die zweite Werkschau Thurgau statt. In einer Serie mit Video und Interview stellen wir die sieben ausstellenden Kunsträume vor. Im folgenden erklären Brigitt Näpflin und Ivo Dahinden von der Remise des Hauses zum Komitee Weinfelden die Bedingungen für die Ausstellung in der Kehrichtverwertungsanlage Thurgau (KVA).

Brigitta Hochuli: Text, Samantha Zaugg: Video

Brigitt Näpflin, Ivo Dahinden, Sie waren in der Jury der Werkschau Thurgau 16 mit dabei und stellen ab November in der KVA in Weinfelden ausgewählte Werke aus. Ist es Ihnen schwer gefallen, aus den 154 Bewerbungen 71 Positionen auszuwählen? Wie waren bei den Eingaben Niveau, Innovation und Vielfalt insgesamt?

Brigitt Näpflin, Ivo Dahinden: Eine Auswahl fällt immer schwer, insbesondere, wenn zehn Stimmen beteiligt sind. Es gab insgesamt viele eindeutige zustimmende und ablehnende Einschätzungen, aber auch eine grössere Schnittmenge, die intensive Diskussionen erforderten. Die Innovation war gross, bewährte kraftvolle Positionen gestandener Thurgauer Künstlerinnen und Künstler, neue junge Positionen mit viel Potenzial, einige mit der Absicht, ortsbezogen zu arbeiten. Dies eröffnete uns im Speziellen, dass für die KVA spannende Auseinandersetzungen mit dem unüblichen und nur temporären Industrie-Ausstellungsraum Kehrichtverwertungsanlage entstehen können. Es ergab sich dann in der weiteren Diskussion, dass ganz unerwartet von vielen Künstlern Neues geschaffen wird. Wir sind sehr gespannt auf das Resultat.

Hatten Sie bei der Jurierung Ihren eigenen Ausstellungsort, die KVA Weinfelden, im Kopf? Was zeichnet ihn aus? Was ist möglich? Was nicht?

Nein und ja. Bei der ersten Phase, in der alle Werke für die Werkschau bestimmt wurden, haben wir nicht explizit für den Ausstellungsort ausgewählt und doch denkt man den Ort mit. Wobei bei uns vorausgeschickt werden muss, dass unser vertrauter Ausstellungsraum die Remise und nicht die KVA ist - eine spannende Herausforderung mit vielen Unbekannten. In der zweiten Phase der Jurierung, in der die Kunstschaffenden für die jeweiligen Kunsträume ausgehandelt wurden, hatten wir auf jeden Fall keine Furcht vor grossen Werken, haben diese sogar gesucht. Insgesamt sind wir uns schon bewusst, dass die KVA für die Kunstschaffenden und uns ein wuchtiger Koloss und alles andere als ein neutraler Ort ist, visuell und akustisch. Aber wir freuen uns auf den Ort und die Werkschau, die sich in der KVA ergeben wird.



Wie macht man eigentlich eine Ausstellung? Passt man sie den vorhandenen Räumen an oder versucht man, eine Geschichte zu erzählen?

Wir möchten vorausschicken, dass nicht für den speziellen Ausstellungsort juriert wurde, sondern dass als erstes Ziel die möglichen Kunstpositionen benannt wurden. Bei einer Einzelausstellung oder thematischen Präsentation versucht man wohl bereits bei der Planung, eine Geschichte zu erzählen, wobei die Sicht der Kunstschaffenden wesentlich einfliessen soll. Wir wirken eher korrigierend und unterstützend. Bei einer Ausstellung wie der Werkschau ist es ganz anders, es wird eine breite Vielfalt gezeigt - ein Ausstellungskonzept entwickelt sich erst nach der Festlegung der einzelnen Werke.

Können Sie diese Entwicklung genauer skizzieren?

Wir haben in einem ersten Schritt die Künstlerinnen und Künstler durch die KVA geführt und Sie gebeten, ihren liebsten Standort zu suchen, um ihre Werke möglichst stark zu präsentieren. Zur grossen Überraschung hat sich ergeben, dass wenige Standorte doppelt belegt wurden. Im zweiten Schritt haben wir versucht, bei Atelierbesuchen mit den Künstlern die Werkauswahl in Bezug zum Ausstellungsort und die Platzierung in der Ausstellung weiter zu vertiefen. So konnte hier bereits das meiste festgelegt werden. Im dritten Schritt wurde die technische Realisierung wie Montage der Bilder, Licht und Ähnliches zu prüfen. Die Kunstwerke sollen in den Räumen der KVA möglichst stark erscheinen und strahlend zur Wirkung kommen.

In der KVA läuft die Arbeit neben der Werkschau weiter. Stört man sich gegenseitig nicht?

Das ist ein wichtiger Aspekt. Wir müssen immer alles mit Peter Steiner von der KVA in Einklang bringen. Wir sind ihm sehr dankbar für seine grenzenlose Unterstützung für das gewagte Projekt. Wir verdanken der KVA eine spannende Auseinandersetzung von Kunst im Arbeitsraum in einer gigantischen Industriehalle. Diese Chance wurde von allen Beteiligten wahrgenommen und wir freuen uns auf das Resultat.

***
Werkschau Thurgau 16
KVA Weinfelden
Remise des Hauses zum Komitee, Weinfelden

Das Kuratorenpaar

Ivo Dahinden: 1954 geboren in Zürich, Schule, Internate, Minerva, Beginn des Architekturstudiums an der ETH, «Flucht» nach Wien und Abschluss des Studiums eben dort. Arbeit in Zürich, heute selbstständig. Verheiratet mit


Brigitt Näpflin: Jahrgang 1958, nach verschiedenen Ausbildungen schliesslich als Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Thurgau (PHTG) für Textiles Gestalten tätig und im Kunstmuseum Thurgau/Ittinger Museum verantwortlich für die Kulturvermittlung.

(Bild: Selfie mit KVA im Hintergrund)

 

Bisher in der Werkschau 16-Serie erschienen:

Arbon: Lagerhalle fordert heraus